Germany killed the TV Star

Wer gern aktuelle US-amerikanische Serien in der Originalsprache guckt, aber blöderweise nicht in den USA lebt, hat zumindest in Deutschland ziemlich gelitten. Wie komme ich hier bloß an US-Serien ohne:

  1. Monate, Jahre oder gar ewig zu warten und
  2. die Serien dann am Ende im Fernsehen nur auf Deutsch gucken zu können?

Die folgenden Überlegungen sind keinesfalls als Empfehlungen zu verstehen, noch bin ich Anwältin und könnte eine juristische Beurteilung abgeben. Ich trage lediglich Überlegungen und Beobachtungen aus meiner medienwissenschaftlichen und persönlich politischen Sicht zusammen.

Was ist eigentlich das Problem?

Die Zahl der Fans von US-Amerkanischen Serien wächst und wächst – verständlicherweise, ist die Qualität von Serien doch auf vielen Ebenen (Plot, Effekte, Dialoge, Auswahl der Schauspieler_innen) meist viel eindrucksvoller als bei US-Filmen, mal ganz zu schweigen von deutschen Produktionen. Was die Ausstrahlung von US-Serien angeht, hinkt Deutschland aber schon zeitlich unendlich hinterher. Das Schnellste, was ich bisher beobachten konnte, ist vermutlich die aktuelle (neunte) Staffel von Grey’s Anatomy, die Pro7 zur Zeit mit „lediglich“ 2 Monaten Verspätung ausstrahlt.

Doch auch 2 Monate sind einfach mal 2 Monate zu viel. Ich muss mir innerhalb dieser Zeit bei jedem Blogbeitrag und bei jedem Artikel, der (vor allem online) erscheint, überlegen, ob ich mich jetzt spoilern lasse und mir die Spannung auf die Folgen verderbe oder ob ich ertrage, nicht mehr an öffentlichen Diskussionen teilzunehmen. Und wie gesagt sind 2 Monate schon ein sehr kurzes Beispiel. Und dann darf ich die Folgen nach wochenlangem Warten eh nur auf deutsch angucken. Eine Qual. Synchronisiert, um die Stimmen zu entfremden, die Atmosphäre völlig anders wiederzugeben und die Original-Witze und Zusammenhänge zu zerstören – letzteres teilweise nicht mal mit Absicht, sondern weil Sprachen oft verschiedene Wortwitze oder kulturelle Zusammenhänge haben. Was genau spricht gegen Originalversion mit Untertiteln? Oder komfortabler: die individuelle Auswahlmöglichkeit der Sprache. Klappt doch bei DVDs auch, wieso also nur bei so wenigen Fernsehsendern?

ellen, the puppy episode

Ellen, The Puppy Episode

© ABC

Das ewige Warten und dann auf Deutsch gucken müssen ist zudem noch die gnädigste Variante, denn viele tolle Serien aus den USA werden niemals in Deutschland ausgestrahlt oder, wenn wir „Glück“ haben, nachts zu Unzeiten oder nur vereinzelte Folgen in komplett durcheinandergewürfelter Reihenfolge. Deutsche Sender messen Fernsehserien offenbar keinen wirklichen Wert bei.

Filesharing could give you a heart attack

Die Option des Wartens scheint also auf diversen Ebenen unerträglich. Aber sich deshalb durch illegale Downloads ständig der Willkür deutscher Anwält_innen aussetzen und permanent Angst haben, als nächstes eine fette Abmahnung im Briefkasten zu finden? Meines Wissens nach ist jegliches Herunterladen von Serien verboten, egal ob die Serien in Deutschland schon aufgekauft wurden oder nicht und auch egal, ob ich die Serien ohnehin kaufen werde, sobald sie denn mal auf DVD oder Blu-ray erscheinen. Logisch. Naja, in gewisser Weise. Und das Einzige, was strafrechtlich noch schlimmer zu sein scheint als das Herunterladen, ist wohl das Weiterverbreiten der Dateien. Ich glaube, dass sich hierauf auch die meisten Abmahnungen beziehen.

Zur Zeit läuft gerade wieder eine riesige Abmahnwelle durch eine Anwaltsfirma aus Hamburg, die übrigens ganz zufällig die gleiche Anschrift hat wie die Medien Vertriebs GmbH, die sie vertritt. How convenient. Der Streitwert liegt laut kurzer Google-Recherchen meist bei 800 Euro, und die Streitobjekte sind derzeit verschiedene Folgen der dritten Staffel von The Walking Dead. Diese Serie bietet sich natürlich an, da sie zu den momentan Beliebtesten zählt. Die ersten beiden Staffeln sind bereits gelaufen und als DVD zu kaufen, aber die dritte Staffel lief erst neulich in den USA. Da liegt die Vermutung nahe, dass auch in Deutschland viele Leute nicht darauf warten mochten, dass sich die deutschen Fernsehsender dazu herablassen, die Serie auszustrahlen, sondern sich jetzt schon mal die Folgen organisiert haben. Hier geht es nicht um eine oftmals unterstellte „Umsonst-Mentalität“ im Internet, sondern um einen Mangel an Alternativen. Nahezu alle Serienfans würden nämlich liebend gern für sofortige O-Ton-Serien zahlen. So ist zumindest der Grundtenor im Internet, und ich vermute, auch eine Umfrage würde zu diesem Ergebnis führen.

D’land im Abseits

Wenn die Telekom demnächst die Datenmengen drosselt, steht mensch natürlich vor einem ganz neuen Problem beim Seriengucken, ganz egal, bei welchem Online-Portal. Aber blenden wir das vorerst mal aus. Welche Möglichkeiten gibt es denn zur Zeit in Deutschland? Erst in letzter Zeit gab es wieder einige Artikel zum Thema „Video on Demand“ zu lesen, vielleicht weil gerade das neue Portal Watchever auf der Bildfläche erschienen ist und sich alle Serienjunkies fragten, ob das endlich die Alternative ist, auf die sie so lange gewartet hatten. Denn selbst bei Angeboten wie Unitymedia oder Sky sind die Serien bei weitem noch nicht alle auf Englisch zu sehen und zudem oft ganz altmodisch auf konkrete Uhrzeiten festgelegt. Wer möchte sich heutzutage noch zu einer bestimmten Uhrzeit vorm Fernseher einfinden, um die neue Folge der Lieblingsserie zu sehen? Selbst das Aufnehmen der Sendungen ist im Vergleich zu „Video on Demand“-Angeboten geradezu putzig, als lebten wir noch in den 90ern.

Deutschland liegt beim Seriengucken und auch beim Medienrecht allgemein ziemlich weit hinten. Aber dauerhaft in die USA auswandern mag ich grad auch nicht. Was kann also die Lösung sein? Es gibt einige „Video on Demand“-Portale, die auch in Deutschland nutzbar sind und die auch einige Serien anbieten. Es sind ausschließlich Streaming-Portale – beim Streaming werden die Videos nicht heruntergeladen im Sinne von „gespeichert“, sondern sind lediglich auf der Seite anschaubar, zB mit Hilfe von Flash. Auf das Rechtliche beim kostenlosen Streaming (zB bei YouTube) komme ich zum Schluss noch mal zu sprechen.

Maxdome

Maxdome gibt es seit 2006, gehört der ProSiebenSat.1 Media-Gruppe und zeigt fast alle Serien auch im O-Ton. RTL-Serien gibt es komplett nicht. Außerdem sind nicht alle Serien im Serienpaket enthalten, und oft bleibt unklar, welche Serien sich nun genau hinter den Paketen verbergen. Es ist möglich, sich erst mal kostenlos anzumelden und dann jede Folge unendlich oft für je 48 Stunden anschauen zu können. Dabei wird für jede Folge je 1,50 oder mehr berechnet. Für echte Serienjunkies – zumindest die, ohne reiche Eltern oder anderweitige goldene Kreditkarte – ist das keine wirkliche Option. Eine Flatrate gibt es allerdings auch und zwar für 9 Euro (bei 15 Monaten Mindestlaufzeit) oder 15 Euro mit ständiger Kündigungsmöglichkeit.
Das alles fand ich schon nicht so richtig überzeugend, meine Ablehnung wuchs aber so richtig, als ich bei Maxdome mal meine Lieblingsserien gesucht habe: Grey’s Anatomy habe ich zwar gefunden, allerdings waren die meisten Folgen (bereits alle, die vor 4 Monaten oder früher in den USA erstausgestrahlt wurden) schon wieder offline und die fünf neuesten Folgen noch gar nicht zu finden. Und Folgen, die vor 3 Monaten in den USA liefen, standen bereits auf der „Letzte Chance“-Liste. Diese Liste ist übrigens etwas, was viele Portale haben. Die meisten Serien sind nicht permanent erhältlich, sondern verschwinden nach einer gewissen Zeit wieder. Bei Homeland sind zum Beispiel die ersten 8 Folgen der ersten Staffel schon wieder offline, die 9. Folge steht auf „letzte Chance“. Wenn ich also in eine neue Serie einsteigen möchte, kann ich sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht oder sogar bei weitem nicht von Anfang an nachholen.

Lovefilm

Lovefilm wurde 2008 von Amazon gekauft. Nachdem Lovefilm am Anfang vor allem Filme per Post durch die Gegend schickte, gibt es inzwischen auch eine Streaming-Option. Die „Digital Flatrate“ ist 30 Tage zu testen und kostet danach monatlich 7 Euro. Die Auswahl ist allerdings richtig mies. Es gibt kaum aktuelle Serien. Überhaupt nicht gefunden habe ich zB Grey’s Anatomy, Desperate Housewives, Modern Family, True Blood oder auch Roseanne. Dafür gibt es Scrubs, The Big Bang Theory, The L Word und Being Erica – allerdings nur auf Deutsch. Und bei Being Erica steht jetzt schon neben der ersten Folge der ersten Staffel die Warnung: „Dieser Titel ist nur noch 5 Tage per Video on Demand verfügbar“. Auf Englisch gibt es immerhin die Serie Torchwood, womit aber auch schon alle spannenden OV-Serien genannt sind.
Allerdings: Beim altmodischen Verleih per Post sind alle Serien erhältlich, die bisher in Deutschland (bzw. bei amazon.de) auf Blu-ray oder DVD erschienen sind. Das kostet dann zB 5 Euro für 2 Titel pro Monat. Für alte Serien könnte das also eine hübsche Alternative sein. Allerdings bedeutet „ein Titel“ vermutlich tatsächlich nur „ein Datenträger“ und nicht etwa eine Serienstaffel, was wiederum den Preis in die Höhe treibt. Auch ist fraglich, ob ich meine Serien in der Reihenfolge der Staffeln bekomme oder (wie Lovefilm es zB bei mehrteiligen Filmen macht) einfach wild durcheinander.

Watchever

Watchever ist wie gesagt der neue Stern am „Video on Demand“-Himmel, der dem französischen Medienunternehmen Vivendi gehört und im Januar 2013 gestartet ist. Eine Flatrate kostet 9,- pro Monat, nachdem die ersten 30 Tage kostenlos sind. Schön ist, dass die Serien auf so vielen Geräten anzusehen sind: im Web, auf verschiedenen Android-Geräten, auf dem iPad, iPhone, Apple TV und einigen Smart-TVs. Ich kann mich also gemütlich mit meinem Android Tablet aufs Sofa legen und ungebremst Serien schauen. Und zwar komplett auf Englisch. Allerdings gibt es auch hier die „Letzte Chance“-Liste, es sind also nicht alle Serien verfügbar. Und auch hier habe ich einige Serien vermisst, zB Modern Family, Glee, True Blood oder The Walking Dead. Zu finden war dafür Anger Management – was ich deshalb extra erwähne, weil die Serie in Deutschland zwar schon letztes Jahr von VOX gekauft wurde, aber erst 2013 oder 2014 ausgestrahlt werden soll. Ansonsten gibt es vor allem alte Serien, zB von Six Feet Under und The Sopranos jeweils die Staffeln 4 und 5 und von Scrubs sogar die Staffeln 1 bis 9.
Hier gibt es also auch noch viel room for improvement, aber da das Portal erst vor einigen Monaten aufgetaucht ist, bleibe ich optimistisch, da es mir bisher schon mal recht gut gefällt.

iTunes

iTunes von Apple ist natürlich noch zu erwähnen. Hier sind – als einziges Portal – die Folgen meist schnell nach Veröffentlichung, teilweise sogar schon vor US-Ausstrahlung zu finden! Und das komplett im Originalton. Mal ganz abgesehen davon, dass ich kein großer Apple-Fan bin, würde ich mich für schnelle, gute und bezahlbare US-Serien aber wohl auch darauf einlassen. Da die Folgen aber in Deutschland je mindestens 2,50 Euro kosten, sollte ich vorher vielleicht doch erst mal Lotto spielen.

Kostenloses Streaming

YouTube und MyVideo sind zwei Beispiele für kostenlose Streaming-Portale. Wenn Videos bei YouTube nicht bereits den deutschen Gema-Bestimmungen zum Opfer gefallen sind, können mit etwas Glück einige Serien im Original gefunden werden, sogar oft relativ zeitnah zur US-Erstausstrahlung. Bei MyVideo ist die Seriensammlung auch nicht gerade vollständig, dazu aber auch noch in unendlich viel Werbung eingepackt und nur auf deutsch zu finden.

Ist Streaming eigentlich legal?

Gerade bei kostenlosen Streaming-Portalen stellt sich oft die Frage: Kann das legal sein?? Es scheint eine Grauzone zu sein, aber prinzipiell ist oft zu lesen: Da beim Streaming kein tatsächlicher Download stattfindet, ist es auch nicht illegal. Dazu gibt es zumindest beim Beispiel YouTube eine für mich recht verblüffende Video-Stellungnahme eines Rechtsanwalts:

Gerade bei YouTube befinden sich etliche neue Filme und Serienfolgen, die dort einfach so kostenlos angeguckt werden können. Aber selbst das scheint laut dieser Video-Stellungnahme erst mal aufgrund der professionellen Erscheinung von YouTube und durch die Technik des Streamings (versus Downloads) legal zu sein. Bei anderen Streaming-Portalen außer YouTube kann das aber möglicherweise schon wieder ganz anders aussehen (und von verschiedenen Anwaltskanzleien und Gerichten auch unterschiedlich bewertet werden).

It’s a party in the USA?

Die USA sind natürlich schon viel weiter. Netflix bietet Streaming auf den Fernseher an, zB per Xbox, WII oder PS3. Bei Hulu gibt es seit einigen Jahren die Möglichkeit, sich Fernsehserien per Streaming zB direkt im Browser anzusehen. Mit der kostenpflichtigen Version, Hulu Plus, kann man aber wohl auch auf der PS3, dem Tablet etc. die Serien angucken. Bei Hulu sind sehr, sehr viele Serien zu finden, sofort nach Ausstrahlung, etliche auch kostenlos. Jedoch scheint auch Hulu Einschränkungen zu haben: Die Serienfolgen fliegen auch recht flott mal wieder aus dem Programm, und CBS ist (als einziger nicht privater Sender) fast gar nicht zu finden, deshalb gibt es bei Hulu auch kein How I met your mother oder The Big Bang Theory. Auch werden bei Hulu keine Bezahlsender wie HBO (Girls, True Blood), AMC (The Walking Dead) oder Lifetime (The Client List) gezeigt. Wie bei vielen Websites der Fernsehsender, auf denen die Folgen teilweise online zu sehen sind, dürfen davon aber auch bei Netflix und Hulu nur Menschen Gebrauch machen, die sich in den USA befinden.

Wer von D'land auf US-Portalen surft

Deutsche IPs werden auf US-Portalen geblockt

© Netflix, Hulu

Selbstverständlich könnte mensch sich ein DNS Jumper Programm installieren, um damit vorzugaukeln, sich in den USA zu befinden. Einen DNS-Server zu benutzen, scheint ja erst mal nicht strafbar, so lange man dabei keine strafbaren Dinge tut, wie zB Atomraketen abfeuern, die Verschickung von Milzbrand in Auftrag geben oder noch schlimmer: Serien illegal herunterladen. Nach dem DNS-Trick fehlt nur noch ein Account bei Hulu oder Netflix und ggf. noch eine amerikanische Kreditkarte zum Bezahlen, und schon ist das Streaming US-amerikanischer Serien möglich. Zu diesem Thema finden sich online bereits etliche Anleitungen.

Diese DNS-Spielerei verstößt höchstens gegen die AGB von Hulu und Netflix, da diese besagen, dass die Dienste nur aus den USA heraus genutzt werden dürfen. Aber ob diese Firmen ihre Kundinnen und Kunden aus anderen Ländern dafür abmahnen würden, dass sie ihnen jeden Monat Geld bezahlen? Da auf diese Weise kein deutsches Urheberrecht verletzt wird, gehen viele Anwältinnen und Anwälte zumindest davon aus, dass dieses Vorgehen in Deutschland nicht illegal ist.

Shut up and take my money!

Wenn wir jetzt nur mal so zum Spaß tun, als wären das Lizenzsystem gerecht und der Kapitalismus auch nur irgendwie sinnvoll, dann bleibt die Frage: Wieso wurde und wird der Serien-Markt in Deutschland nicht viel stärker ausgebaut? Vor allem, wenn die Internetbewohner_innen doch überwiegend gar keine Lust auf den Thrill beim illegalen Filesharing haben und nur zu gern für eine Serienflatrate zahlen würden? Überraschend, gerade weil in den USA durch legale Bezahl-Portale wie hulu die illegalen Serien-Downloads extrem zurückgegangen sind.

Jaja, die Welt wächst zusammen, Globalisierung blablabla. Aber Fernsehserien weltweit einigermaßen zeitgleich auszustrahlen, stellt offenbar eine komplette Überforderung dar. Ein Angebot, US-Serien sofort bzw. sehr schnell nach US-Ausstrahlung im Original-Ton zu sehen und dafür sagen wir mal 15 Euro pro Monat zu zahlen, würden sicherlich die Wenigsten ausschlagen. Aber in Deutschland (oder in Europa allgemein?) scheint es offenbar so viele Lizenzmauern zu geben, dass es sich bisher nicht lohnt, stärker einzusteigen. Sehr seltsam! Dabei lässt sich der Markt doch sonst nicht zweimal darum bitten, jeden Mist doppelt und dreifach abzugrasen.

Auswahl externer Links/Quellen:

US-Serien legal gucken? Watchever, iTunes, Lovefilm & Co. (Youtube-Video)

Video-Streaming-Dienste: Lovefilm, Maxdome, Sko Go und Watchever im TestWatchever (Artikel bei Netzwelt)

Tutorial: Netflix & Hulu legal in Deutschland – so funktioniert’s (Artikel bei Nerdizm)

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ah, noch ein schwuler

vor 20 Jahren hab ich mich noch über jede einzelne lesbische figur im fernsehen gefreut. naja, es gab ja auch kaum welche, und wenn, dann musste man sie meist erst mal mühsam entschlüsseln. ich hab mich damals sogar über seltsame figuren gefreut. nancy aus “roseanne” zum beispiel fand ich total schräg, ich konnte mich überhaupt nicht mit ihr identifizieren. leon (auch aus “roseanne”) war der einzige schwule, den ich damals aus fernsehserien kannte, und den mochte ich auch nicht besonders. natürlich muss ich zugeben, dass darlene sowieso alle anderen in der serie überstrahlt hat. sie war zu meinem großen bedauern nicht lesbisch – auch wenn sich die schauspielerin, die darlene spielte (sara gilbert), jahre später als lesbisch herausstellte.

roseanne: darlene, nancy, leon © ABC

inzwischen bin ich offenbar anspruchsvoller geworden oder das thema ist heute einfach “normaler”. es gab in den letzten 20 Jahren so viele lesbische und schwule charaktere im fernsehen, dass mich die bloße existenz einer lesbe nicht mehr per se umhaut. natürlich* gibt es mehr schwule als lesben im fernsehen, ganz wenig bi- oder pansexuelle und noch viel weniger transidente oder intersexuelle menschen. wenn ich allein alle LGBTI-charaktere der letzten 20 jahre zusammenzähle, die prägnante rollen in US-amerikanischen fernsehserien hatten, komme ich auf ungefähr 100 – und da habe ich “the L word” und “queer as folk” noch nicht mal mitgezählt.

als “emily owens m.d.” neulich schon in der 1. staffel abgesetzt wurde, habe ich nicht mal mit der wimper gezuckt. emily’s beste freundin, die lesbische ärztin tyra, arbeitet im krankenhaus ihres vaters und hatte nach ein paar folgen bei ihm endlich ihr coming-out. er hat entspannt reagiert, und niemand hat verstanden, was die aufregung soll. tyras coming out war einfach keine puppy-episode**.

emily owens m.d.

© The CW

“anger management”, die neue serie mit charlie sheen, ist ein gutes beispiel dafür, wie gern schwule auch heute noch stereotyp dargestellt werden. ist doch immer noch für ein paar lacher gut. offenbar. außerdem gehört es ja schon lange zum guten ton, einen überdrehten, fröhlichen schwulen als wiederkehrende figur in so ziemlich jeder fernsehserien zu haben. wie mr. wolfe aus “suburgatory” zum beispiel oder auch louis aus “partners”, lee aus “desperate housewives”, bryan aus “the new normal”, irgendwie auch cameron aus “modern family” (obwohl ich die serie eigentlich mag).

modern family: cameron mit lily

© ABC

es gibt wenig subversive LGBTI-figuren in fernsehserien. neulich fiel mir in einem dramatischen moment auf, dass “the L word” (lief bis vor 4 jahren) und “queer as folk” (lief bis vor 8 jahren) bis heute immer noch mit abstand die serien mit den diversesten lebensentwürfen sind. bei aller kritik, die man (vor allem an “the L word”) haben kann: dort wurde wenigstens noch die RZB*** als ideale partnerschaftsform hinterfragt, allgemeine lebensentwürfe, karrierismus, rassismus, patriotismus, ableismus, identitätspolitik, aber auch alltägliche dinge wie das untergehen in der beziehung/familie thematisiert. was kam in den fernsehserien danach? lediglich beziehungswahn und der dauerbrenner adoption.

die zeiten, als ich mich noch über jede lesbe und jeden schwulen im fernsehen gefreut habe, sind wirklich vorbei. und dass aus “ellen”, “the L word” und “queer as folk” offenbar nur das thema familienplanung aufgegriffen wurde, mag nicht verwundern, aber schade ist es.

* nicht im sinne einer naturhaftigkeit, sondern entsprechend der gesellschaftlichen verhältnisse, wer ist präsent, wer weniger. alles kein zufall.
** http://www.emmytvlegends.org/blog/?p=5903
*** romantische zweierbeziehung

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unsichtbar rosa

zum ersten mal gibt es in diesem jahr einen „schwul-lesbischen weihnachtsmarkt“ namens rosa weihnacht in frankfurt am main. aber warum, wieso, mit welchem anspruch? mein erster gedanke war: aha, ein schwuler weihnachtsmarkt, aneignung bzw. positive umdeutung der farbe rosa. ausgerechnet die farbe rosa zu nehmen wäre zB für lesben eher ungewöhnlich. aber es scheint ja durchaus um schwule und lesben zu gehen, das behaupten zumindest verschiedene zeitungsartikel und andere quellen im internet [1]. und warum auch nicht? in anderen städten gibt es ja schließlich auch LGBTI-weihnachtsmärkte, zB in köln die christmas avenue, in hamburg die winter pride und in münchen pink christmas.

rosa weihnachtsmarkt

mein zweiter gedanke kam, als ich den rosa weihnachtsmarkt dann tatsächlich sah: eingeklemmt zwischen roßmarkt und korbmarkt. bisher wusste ich nicht, dass dort überhaupt noch weihnachtsmarkt ist, vielleicht ist in diesem jahr dort auch zum ersten mal einer, ich weiß es nicht. er ist zweimal um die ecke weg vom bisherigen weihnachtsmarkt zwischen römer und hauptwache. sichtbarkeit scheint schon mal kein anliegen des rosa weihnachtsmarktes zu sein. aber worum geht es dann?

mögliche gründe für einen queeren weihnachtsmarkt, die mir bisher eingefallen sind:

  • sichtbarkeit. zeigen, dass es auch LGBTI gibt, sogar auf weihnachtsmärkten, dass mensch sie sonst nur nicht unbedingt wahrnimmt.
  • anti-diskriminierung. einen idealerweise diskriminierungsfreien raum schaffen. in allen bereichen unseres lebens gibt es diskriminierung gegen LGBTI. eine raum zu schaffen, dessen anspruch explizit als gewalt- und diskriminierungsfrei formuliert wird, wäre eine schöne idee. ob diskriminierung nun gerade auf dem weihnachtsmarkt virulent ist? sicher nicht mehr und nicht weniger als im rest des alltäglichen lebens. wir sind alle schon so abgestumpft vom heterosexistischen mist, der uns permanent umgibt. was machen da ein paar glühweinbetrunke, grenzüberschreitende menschen mehr oder weniger aus? andererseits darf mensch auch nicht die raumaneignung als politisches mittel unterschätzen.
  • rosa. die farbe rosa positiv anzueigen als umdeutung des nationalsozialistischen rosa winkels. oder auch, um die farbe aus dem typisch mädchenhaften nicht-ernstnehm-image herauszuholen.

rosa weihnachtsmarkt

zumindest online fand ich keinen hinweis darauf, dass sich die rosa weihnacht auf diese gründe beziehe. sondern? was für einen anspruch hat die rosa weihnacht denn? in allen artikeln wird erstmal betont, dass die rosa weihnacht nicht nur für schwule und lesben ist, zB so:

Der Abschnitt mit etwa 15 Ständen sei aber nicht nur der angesprochenen Zielgruppe vorbehalten, sagte der Geschäftsführer der Tourismus+Kongress GmbH Frankfurt, Thomas Feda. […] Auch Besucher außerhalb der Zielgruppe sollen dort willkommen sein. [2]

oder auch so:

Ausdrücklich richtet sich das Angebot der Buden an Homosexuelle. Was nicht heißt, dass andere nicht willkommen sind. ‘Im Gegenteil’, betont Organisatorin Claudia Bubenheim. [3]

es wäre ja auch absurd, den platz abzuriegeln und nur schwule und lesben dort reinzulassen, dachte ich mir beim lesen. straßenfeste sind doch nie in solcher weise exkludierend. das angebot richte sich „ausdrücklich an homosexuelle“, aber nicht nur. welches angebot ist eigentlich gemeint? also mal weiterlesen:

Seichter Weihnachts-Pop trällert aus den Boxen, bei Feuerzangenbowle und Glühwein wärmen sich fröstelnde Besucher und vertreiben die klirrende Kälte aus den Gliedern. Es riecht nach gebrannten Mandeln und süßen Crêpes. An den Buden preisen Händler ihren Weihnachtsschmuck an. Alles ist etwas beschaulicher, etwas ruhiger als beim großen Nachbarn auf dem Römerberg. [3]

rosa weihnachtsmarkt

eigentlich also wie der rest vom weihnachtsmarkt, nur „beschaulicher, etwas ruhiger“, schwule und lesben sind ja schließlich für ihre friedlichkeit bekannt, gerade das wort „beschaulich“ lese ich in queeren zusammenhängen immer wieder (nicht?). aber wo ich grad ganz unbedacht das wort „queer“ schreibe – wer ist noch mal die zielgruppe der rosa weihnacht? ach ja, schwule und lesben. neulich habe ich erst wieder einen vortrag dazu gehört, dass in artikeln über LGBTI sehr gern das wort „schwul“ benutzt wird, „lesbisch“ nur, wenn es gar nicht anders geht und bi-/pansexuell, intersexuell oder transident ist praktisch nie zu lesen. vielleicht in eher pathologisch ausgerichteten artikeln.

also zuckerkram und alkohol wie auf weihnachtsmärkten üblich. nur gibt es im rosa viertel noch „Getränke mit dem Namen Pinky und Pinky Deluxe – Rosé Sekt oder Rosé Champagner“ [6]. für ein show-programm war laut claudia bubenheim die zeit zu knapp, aber „Für Musik ist gesorgt: ‘Wir spielen moderne Weihnachtslieder.’“ [6]. das wird ja immer subversiver. einerseits also ruhig und beschaulich, interpretieren andere artikel den pinken weihnachtsmarkt eher als versuch, die langeweile zwischen gebrannten mandeln und schlechtem glühwein zu bekämpfen:

Der Frankfurter Weihnachtsmarkt wagt sich 2012 ein wenig in die Jetztzeit. Zur Eröffnung am Montagabend sang Soul-Barde Andreas Bourani und Pink Christmas gibt es ja jetzt auch. [5]

wie der titel des artikels schon sagt: alles etwas poppiger. so wie der frankfurter csd von den hess_innen als ein sommer-karneval wahrgenommen wird, ist der rosa weihnachtsmarkt also die bunt glitzernde zuckerwatte neben den immergleichen, trockenen bethmännchen.

besonders wirr in diesem gedankenzusammenhang fand ich die seite vom christlichen medienmagazin. dort gab es auch einen artikel über die rosa weihnacht in frankfurt, in dem die freien wähler frankfurt zitiert werden, die gegen das schwul-lesbische treiben auf dem weihnachtsmarkt protestieren [4]. muss man aber eigentlich auch nicht unbedingt lesen (jesus bla bla, dessen leben, lehre, tod und wiederauferstehung, bla, christentum, sonst gäbe es kein weihnachten, wie wir es kennen, bla, wir irdischen sünder und jesus, der für uns gestorben ist, und so).

rosa weihnachtsmarkt

aber was hat es denn nun mit der rosa farbe auf sich? doch noch ein politisches anliegen? pink christmas konnte die rosa weihnacht nicht genannt werden, da dies offenbar teuer ist (urheberrecht und so) [6]. war rosa bloß the next best thing?

In der Tat: Rosa dominiert, sei es als Farbe der Buden oder in der Arbeitskleidung der Barkeeper. In den Medien werde das als homosexuelles Klischee verstanden und falsch gedeutet, bedauert Bubenheim. Dabei habe sie bloß ein gutes Motto gesucht. Rosa, sagt sie, sei einfach eine tolle Farbe. Hätte sie ein Zeichen für Schwule und Lesben setzen wollen, rein hypothetisch, hätte sie wohl bunte Regenbogenfarben gewählt. ‘Und das passt ja nun wirklich nicht zu Weihnachten’, erklärt Bubenheim entschieden. [3]

rosa ist also einfach eine tolle farbe. aber wenn sich regenbogen und weihnachten offenbar so ganz selbstverständlich ausschließen, gilt das dann nicht auch für LGBTI und weihnachten? dürfen wir bei diesem christlich-heidnischen fest trotzdem mitfeiern? und wenn claudia bubenheim kein zeichen für schwule und lesben setzen will, wie sie selber sagt, was will sie dann mit ihrer rosa weihnacht bezwecken?

die FR zitiert zwei „transvestiten“ (sic!), die auf dem weihnachtsmarkt für die AIDS-hilfe sammeln und über diskriminierung im frankfurter alltag berichten. daraus zu schließen, dass sich die rosa weihnacht solidarisch mit LGBTI und gegen diskriminierung positioniert, wäre gewagt. äußerungen der veranstalter_innen über diskriminierung oder heteronormativität habe ich jedenfalls vergeblich gesucht. da finden sich eher argumente „kaufmännischer natur“:

Die Regenbogen-Area beim Mainuferfest beispielsweise erfreut sich seit Jahren großen Erfolgs. Es gebe in der Szene ein sehr treues Stammpublikum, sagt Bubenheim. Mit guter Qualität und einer weihnachtlichen Atmosphäre wolle sie dieses jetzt auch auf den Weihnachtsmarkt locken. [3]

seufz. vielleicht werden die einnahmen ja wenigstens für den frankfurter csd gespendet, der zwar auch nicht grad durch kritisch politischen anspruch glänzt, aber besser als nichts. auf dem rosa weihnachtsmarkt selbst sieht man jedenfalls keinen hinweis darauf, dass dort eine anlaufsstelle für LGBTI sein soll. wer nicht gerade weiß, was es mit der rosa dominanz auf sich hat, geht dort hin, trinkt einen glühwein, amüsiert sich über den „tuckigen“ weihnachtsbaum und geht wieder. im prinzip alles wie immer, nur mit viel rosa.

[1] http://www.xtremeties.de/pink-christmas/index.php
[2] http://www.fr-online.de/frankfurt/frankfurt-weihnachtsmarkt-weihnachten-wird-pink,1472798,20908398.html
[3] http://www.fr-online.de/frankfurt/weihnachtsmarkt-frankfurt-budenzauber-ganz-in-pink,1472798,21022974.html
[4] http://www.pro-medienmagazin.de/nachrichten.html?&news%5Baction%5D=detail&news%5Bid%5D=6033
[5] http://www.fr-online.de/frankfurt/weihnachtsmarkt-frankfurt-e-bissi-poppiger,1472798,20971396.html
[6] http://www.extratipp.com/nachrichten/regionales/rhein-main/schluss-stiller-nacht-weihnachtsmarkt-wird-rosa-schrill-2634478.html

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